Schüler der Toleranz

Zwei Wochen an drei Schulen: BDKJ Hamburg und KSJ informieren „mit Toleranz gegen Rechts“.

Wir müssen unbedingt dafür sorgen, dass diese Nazis das beste und fairste Verfahren erhalten, das menschenmöglich ist. Ihre Anwälte – und wenn Frau Zschäpe 100 Anwälte hat – sollen so viel Anträge einreichen, wie sie wollen. Denn am Ende darf es nicht heißen, dass sie Opfer einer Unrechtsjustiz geworden ist.“ Die Luft ist nicht mehr die beste, als Yavuz Narin vor knapp 200 Gästen von seinen Erfahrungen als Nebenklagevertreter im Prozess gegen den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) erzählt. Es ist Montagabend und das lange Wochenende, das alle Hamburger Schülerinnen und Schüler nach den Halbjahreszeugnissen traditionell erwartet, ist in seinen letzten Zügen. Trotzdem dominieren Jugendliche bei weitem das Publikum, das an der Sankt-Ansgar-Schule dem Vortrag des Münchener Rechtsanwalts beiwohnt. Den einen oder anderen kostet es sichtlich Kraft, den Worten Narins zu folgen. Das liegt auch an der Luftbeschaffenheit. Es hängt aber vor allem mit dem stets bemühten Zusammenspiel von Ermittlungsbehörden und Verfassungsschutz bei der Aufarbeitung der NSU-Morde zusammen, über dessen Folgen der Anwalt endlos berichten könnte.

Der Vortrag Narins war einer der Höhepunkte im Rahmen der Aktionswochen mit Toleranz gegen Rechts, mit der die KSJ Hamburg gemeinsam mit dem BDKJ Hamburg ein Zeichen für eine bunte Gesellschaft und gegen Rechtspopulismus und rechte Gewalt setzten. „Es ging uns vor allem darum, unseren Mitgliedern das Thema nahezubringen. Sie sollten die Möglichkeit haben, sich schlau zu machen und sich auch selber zu reflektieren“, betont der Hamburger Diözesanleiter Oliver Büttner. „Deswegen sind wir mit unterschiedlichen Angeboten an die Schulen gegangen, für die sich die Klassen und Kurse anmelden konnten“.

„Die Schulen“ meint die drei katholischen Gymnasien Hamburgs, die gleichzeitig auch die drei Standorte der KSJ Hamburg sind. Dort standen vom 23. Januar bis zum 3. Februar Workshops über Vorurteile, Argumentationstrainings gegen Stammtischparolen sowie Unterrichtsbesuche von zwei Referentinnen zur Auswahl. Außerdem zeigte die KSJ während dieser zwei Wochen die Wanderausstellung Demokratie stärken, Rechtsextremismus bekämpfen der Friedrich-Ebert-Stiftung an den Schulen. Um die Angebote nicht nur Kursen oder festen Klassenverbänden zugänglich zu machen, gab es auch offene Veranstaltungen: Andachten zum 27. Januar – dem Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus –, den Vortrag mit Yavuz Narin, eine sogenannte Film.Stube und eine Podiumsdiskussion mit dem Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes, Torsten Voß, und der Chefredakteurin von Netz-gegen-Nazis.de, Simone Rafael.

Die Aktionswoche sollte nicht nur ein Angebot für die Schulen sein, sondern sich auch im Alltag der KSJ widerspiegeln. Deswegen haben wir unsere Gruppenleitenden aufgefordert, sich auch in den Gruppenstunden mit dem Thema zu befassen, und auf der Homepage der Aktionswoche Methoden zur Verfügung gestellt“, erzählt Jessica Rumpca, Olivers Kollegin in der Diözesanleitung. Das hatte Auswirkungen auf den Mittwoch, den Tag mit den meisten Gruppenstunden im KSJ-Keller. Zunächst war es lauter und wuseliger als sonst. Schließlich mussten die Jugendlichen der jüngeren Jahrgänge vor dem Flur warten, bis sie gemeinsam mit ihren Gruppenleitenden an der Wanderausstellung vorbei zu ihrem Gruppenraum konnten. Dass die Gruppenstunden dann nicht nur von den üblichen Spielen geprägt waren, sei für viele Jugendliche ungewohnt gewesen, meint Pater Björn Mrosko SJ, geistlicher Leiter der Hamburger KSJ. „Die Woche war gut, um die KSJ von einer anderen Seite zu zeigen. Viele waren auch etwas stolz auf ihre Aktionswoche. Dass wir uns politisch so sehr aus dem Fenster lehnen und engagieren, ist schon länger nicht mehr vorgekommen.

Ich hoffe nur, dass wir möglichst vielen Schülerinnen und Schülern den Ernst der Lage vermitteln konnten“, entgegnet Felix Desai, Stadtgruppenleiter der St. Scholastika Stadtgruppe. „Letztlich geht es nicht darum, fleißig Aktionswochen zu organisieren, sondern im Alltag für seine Standpunkte einzutreten. Nur so können wir Einfluss darauf nehmen, wie unsere Gesellschaft in Zukunft aussehen soll.

Zu einem ähnlichen Fazit kam auch Yavuz Narin, kurz bevor das Funkmikrophon seinen Dienst vollkommen einstellte: „So katastrophal die Fehler auch sind, die von den Ermittlungsbehörden begangen worden sind. Wir dürfen nicht anfangen, an unserem Staat, unserem Rechtssystem und unserer Gesellschaft zu zweifeln. Das wäre genau das, was sie wollen. Der beste Schutz, den wir haben, ist unsere Zivilgesellschaft und die darf nicht schwächer werden.“

Homepage der Aktionswochen: www.mitToleranzGegenRechts.de

 Text: Oliver Trier

By | 2018-04-16T14:37:54+02:00 Februar 23rd, 2017|aktiv, politisch, Zukunftszeit|0 Comments